Mit dem Begriff Diabetes (griech. für „hindurchfließen“) wird eine Reihe von Stoffwechselstörungen bezeichnet, von denen die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus, „mellitus“ = lat. für „honigsüß“) die bekannteste ist. Bei dieser chronischen Erkrankung ist der Blutzuckerwert, also der Glukosespiegel im Blut, erhöht (Hyperglykämie), was zu schwer wiegenden Folgeschäden führen kann. Glukose ist der wichtigste energieliefernde Nährstoff im Organismus und wird von den Zellen mithilfe von Insulin, einen von den Betazellen der Bauchspeicheldrüse gebildeten Eiweißstoff, aus dem Blut aufgenommen. Beim Diabetes mellitus ist diese Glukoseaufnahme gestört, sodass der Körper auf seine Fettdepots zurückgreifen muss. Die Ursachen sind entweder ein Insulinmangel aufgrund einer Zerstörung der Betazellen (Diabetes mellitus Typ 1) oder aber eine Resistenz der Körperzellen gegenüber Insulin (Typ 2). Beim Diabetes mellitus Typ 1 gilt ein Zusammenwirken von erblicher Veranlagung und Umweltfaktoren wie Virusinfektionen oder Ernährung als Auslöser einer gestörten Immunreaktion, bei der sich die Abwehrkräfte gegen die körpereigenen, insulinproduzierenden Betazellen richten. Diese Erkrankung tritt meist schon im Kindes- oder Jugendalter auf. Dagegen entwickelt sich das verminderte Ansprechen der Körperzellen auf Insulin beim Diabetes mellitus Typ 2 langsam und als Folge von Bewegungsmangel, fettreicher Ernährung und Übergewicht. Die Symptome der Zuckerkrankheit treten dann zumeist erst jenseits des 40. Lebensjahres in Erscheinung, weshalb früher auch von „Altersdiabetes“ gesprochen wurde.
Welche Symptome beim Diabetes mellitus auftreten, hängt vom Grad des Insulinmangels und den damit verbundenen Stoffwechselstörungen zusammen. Anfänglich können besonders beim Diabetes Typ 2 die Beschwerden völlig fehlen, sodass die Diagnose oft zufällig erfolgt. Insgesamt entwickelt sich der Typ- 2-Diabetes eher schleichend. Im Gegensatz dazu beginnt der Typ-1-Diabetes meist plötzlich und heftig. Die Zeichen eines hohen Blutzuckerspiegels sind:
- Durst
- vermehrtes Wasserlassen, vor allem nachts
- Müdigkeit und Abgeschlagenheit
Hinweise auf länger bestehende hohe Blutzuckerwerte sind:
- ungewollte Gewichtsabnahme
- Sehstörungen
- Wadenkrämpfe
- Nervenschmerzen in den Beinen
- Juckreiz
- hohe Infektneigung
- schlechte Wundheilung
- Potenzstörungen
Steigt der Blutzucker über 300 mg % an, können ernste Komplikationen bis hin zum diabetischen Koma entstehen. Doch auch die Unterzuckerung (unterhalb 40 bis 50 mg %, Hypoglykämie) sorgt für Symptome von Kreislauf- und Konzentrationsstörungen über Schwindel und Bewusstseinstrübungen bis hin zu Bewusstlosigkeit und Krampfanfällen. Zu einer Unterzuckerung kann es zu Beginn bei einem Diabetes mellitus Typ 2 durch eine überschießende Insulinfreisetzung oder im Rahmen einer Insulintherapie kommen. Bei Unterzuckerungen leichteren Grades ist das Nebennierenhormon Adrenalin in der Lage, den Reservezucker in der Leber zu mobilisieren und auf diese Weise den Blutzucker wieder zu erhöhen. Bei stärker ausgeprägten Hypoglykämien stehen nervliche Ausfallerscheinungen und psychische Veränderungen im Vordergrund. Solche Hypoglykämien sind glücklicherweise selten, sie erfordern jedoch immer die sofortige Hilfe eines Arztes.
Die Spätfolgen entscheiden über den Krankheitsverlauf
Die möglichen Spätfolgen eines Diabetes mellitus sind für Lebensqualität und Lebenserwartung eines Diabetikers entscheidend. Wie genau die chronischen Schäden entstehen, ist noch nicht endgültig geklärt. Fest steht jedoch, dass ihr Entstehen und Fortschreiten von der Dauer und dem Schweregrad der Zukkerkrankheit bestimmt werden. Dabei spielen auch andere Risikofaktoren eine Rolle. Besondere Bedeutung kommt dabei den Gefäßerkrankungen zu. Sie bestimmen heute in weiten Teilen der Bevölkerung die Lebenserwartung, nicht nur beim Diabetiker. Dabei lassen sich zwei große Gruppen von Gefäßkrankheiten (Angiopathien) voneinander unterscheiden: die Makroangiopathie (von makros = groß), bei der die großen und mittleren Arterien betroffen sind und die Diabetiker wie Nichtdiabetiker befallen kann, und die Mikroangiopathie (von mikros = klein), die nur bei Diabetikern die kleinsten Blutgefäße (Kapillaren) befällt. Beim Diabetiker führt der erhöhte Blutzucker direkt zu einer Schädigung der Gefäßwände. Spätfolgen, die sich daraus ergeben, umfassen:
- Augenschäden (Retinopathie)
- Nierenschäden (Nephropathie)
- Nervenschäden (Neuropathie)
- Durchblutungsstörungen (Risiko für diabetisches Fußsyndrom und Amputation).
Zudem besteht für Diabetiker ein erhöhtes Risiko, eine Arteriosklerose, insbesondere eine koronare Herzkrankheit oder periphere arterielle Verschlusskrankheit, zu entwickeln und infolgedessen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Durch eine rechtzeitige Therapie des Diabetes und der Begleiterkrankungen können deren Spätfolgen aber weitgehend verhindert oder zumindest verzögert werden.
Medikamentöse Therapie
Beim Typ-1-Diabetes setzt die Therapie immer beim Ersatz des mangelnden Insulins an, das dem Körper durch regelmäßige Injektion individuell abgestimmter Dosen zugeführt werden muss. Insulin muss gespritzt werden. Dies hängt mit seiner Eiweißstruktur zusammen. Als Tablette geschluckt würde es wie Eiweiß im Magen und Darm verdaut und größtenteils seine Wirksamkeit verlieren. Voraussetzung für eine erfolgreiche Diabetestherapie mit Insulin ist die richtige Spritztechnik. Zur Verfügung stehen herkömmliche Plastikspritzen und Insulinpens. Plastikspritzen sind einfach und praktisch zu handhaben; mit ihnen lassen sich die Insulinmengen sehr exakt abmessen. Die Insulinpens sind eine wesentliche Vereinfachung für die Patienten. Sie sind Injektionshilfen, die wie ein Füllfederhalter aussehen und bei denen stumpfe Nadeln und der Insulinvorrat mittels „Patronen“ ausgewechselt werden können. So können Diabetiker ihr Insulin immer spritzfertig mit sich führen. Die intensivierte Insulintherapie mit herkömmlichen Insulinspritzen oder mit Insulinpumpen ist heute die Behandlung der Wahl für Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1. Ziel der intensivierten Therapie ist es, den Verlauf des Insulinspiegels eines Gesunden so gut wie möglich nachzuahmen. Einige Medikamente gegen Diabetes mellitus, die Sulfonyhlharnstoffe und die Glinide, senken den Blutzucker, indem sie die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse erhöhen. Allerdings sind diese Tabletten für Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 ungeeignet, da bei ihnen die für diese Therapie nötige Restsekretion von Insulin fehlt. Daneben gibt es noch weitere orale Antidiabetika. Einige dieser Tabletten regulieren den Blutzucker, indem sie die Glukoseaufnahme aus dem Darm verzögern oder die Glukoseaufnahme in die Zellen verbessern. Biguanide (z.B. Metformin) sind besonders zur Behandlung von übergewichtigen Patienten mit Diabetes mellitus geeignet. Sie bremsen die Zuckerneubildung in der Leber, verbessern die Zuckerverwertung in der Muskulatur und verlangsamen die Zuckeraufnahme ins Blut. Alphaglukosidasehemmer (z.B. Acarbose und Miglitol) hemmen Enzyme in der Darmschleimhaut, die längerkettige Kohlenhydrate in Einzelzucker spalten. Somit kommt es zu einer verzögerten Aufspaltung der zugeführten Kohlenhydrate und einem verzögerten Anstieg des Blutzuckerspiegels nach einer Mahlzeit. Die Aufnahme von Einfachzuckern (Traubenzucker, Fruchtzucker, Milchzucker wird jedoch nicht beeinflusst. Die im Jahr 2000 auf den europäischen Markt gekommenen „Insulin-Sensitizer“ (Glitazone, z.B. Rosiglitazon und Pioglitazon) können allein – besonders bei übergewichtigen Patienten – oder in Kombination mit Metformin oder Sulfonylharnstoffen angewendet werden. Sie vermindern die Insulinresistenz, weil sie die Insulinempfindlichkeit besonders in den Muskelzellen erhöhen. Da diese Wirkstoffe noch recht neu sind, ist eine abschließende Bewertung durch Langzeitstudien noch nicht möglich. Beim Diabetes mellitus Typ 2 kann die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse über die Jahre so weit abnehmen, dass die Behandlung mit richtiger Ernährung und blutzuckersenkenden Tabletten nicht mehr ausreicht. Zwar ist durchaus noch etwas Insulin in der Bauchspeicheldrüse und im Blut vorhanden, aber angesichts der bestehenden Insulinresistenz reicht die Insulinmenge nicht aus. Die Patienten erhalten entweder eine Kombinationstherapie mit blutzuckersenkenden Tabletten und Insulin oder die alleinige Therapie mit Insulin. Entscheidend ist ein gutes Einstellungsergebnis mit entsprechenden HbA1c-Werten. Insulin wird bei Typ-2-Diabetes meist mit Metformin oder Acarbose kombiniert.
Die Transplantation von Organen oder Zellen kann bei Diabetes mellitus helfen
Bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 mit einer starken Schädigung der Niere durch die diabetische Nephropathie kann zur Behandlung auch eine Transplantation erwogen werden. Dabei werden gleichzeitig eine neue Niere und ein Teil der Bauchspeicheldrüse transplantiert. Zielgruppe sind jüngere Diabetiker mit einer dialysepflichtigen Nierenschwäche. Eine weitere Möglichkeit ist die Transplantation von insulinproduzierenden Langerhansschen Inseln. Zur Zeit können sich Diabetiker an großen Kliniken im Rahmen von Studien mit dieser Methode behandeln lassen. Problematisch sind in beiden Fällen mögliche Abstoßungsreaktionen sowie die nebenwirkungsreichen Medikamente, die dagegen eingenommen werden müssen.




